
Parfüms nach Gewicht ist die vielleicht kleinste Parfümmanufaktur der Welt, ihr 57-jähriger Inhaber Lutz Lehmann einer der letzten Parfümeure Deutschlands.
Lutz Lehmanns Nase ist die einzige freischaffende Berlins. Täglich drei Stunden Training, "das ist am wichtigsten, neben dem Talent". Sorgen macht dem Parfümeur, dass sie trotz regelmäßiger Übungseinheiten allmählich schlechter riecht, statt besser. "Das ist der Preis des Alters", sagt er, und sieht traurig aus dabei. Denn seine Nase hat keinen Nachfolger.
Unscheinbar ist der Laden in der Kantstraße 106 von außen. Erst beim Eintreten strömt ein Hauch von Weltgeist, von Hoffnung und Wehmut auf den Charlottenburger Gehsteig. Der Grund lagert drinnen in zahllosen Glasbäuchen: grünlich schillernd bis cognacfarben tauchen Parfüms aus drei Generationen die Szene in ein warmes, weiches Licht.
In den Hinterzimmern jenseits der Theke erschließt sich Lehmanns Welt. Die Tapete löst sich von den Wänden, es scheint, als habe sie dem süßlich-herben Duft, der sich aus dem geheimen Kellerlabor seinen Weg in die Räume bahnt, mit dem Alter nachgegeben. Schränke säumen den Gang, in den Ecken stapeln sich Kartons. Hier und da ein paar verstaubte Familienfotos. Die surrende Kaffeemaschine wirkt verloren zwischen den Relikten einer 82-jährigen Familiensaga:
Über Afrika soll Harry Lehmann um 1900 bis Arabien gereist sein, bevor er sich in Berlin geschäftlich niederließ. Im südfranzösischen Grasse hatte der Weltenbummler einst auf Wanderschaft das Parfümhandwerk erlernt. Seither war er mit einer Ostseefischerei, arabischen Rennpferden und Immobilienhandel längst zum reichen Mann geworden.

Während im Frühling 1926 Josefine Baker im Bananenrock Berlin den Charleston lehrte, eröffnete Lehmann in der Potsdamer Straße sein Parfümhaus. Bewusst verzichtete er auf Werbung und aufwändige Flakons. In schlichten Glasflaschen konnte er so das Luxusgut zu kleinen Preisen anbieten, ohne an der Qualität zu sparen. Seit jeher gehören so Menschen aus jeder Schicht und allen Altersklassen zu den Kunden. Neben den ersten zehn Kreationen bot der Großvater des heutigen Eigentümers Seidenblumen an, auf Wunsch mit einem Tropfen des Lieblingsdufts veredelt.
Über die Blumen hat Lehmann, der Enkel, oft nachgedacht. Die verkaufen sich nicht mehr so gut, Moden ändern sich eben. „Irgendwie gehören sie aber zur Tradition, genau wie das Parfüm.“ Geändert hat sich über zwei Generationenwechsel hinaus ohnehin nicht viel. Bis auf den Standort, der sich dem bewegten Lauf der Berliner Geschichte des Öfteren anzupassen hatte.
In der Potsdamer Straße wichen die Lehmanns der von Hitler geplanten Nord-Süd-Achse, in der Friedrichstraße wurde das Geschäft im Krieg total zerstört. Nur wenige Blöcke weiter wurde die Familie schließlich aus dem Osten vertrieben. Fortan parfümierte sie weiter westlich, erst am Zoo, seit 1958 in der Kantstraße. Das Inventar kam immer mit, erst seit ein paar Jahren muss es sich den Platz mit Computer, Fax und Drucker teilen.
Nach dem Mauerfall fanden viele Ostberliner den Weg zurück zu Lehmann. „Überglücklich“ sind die, „dass ich ihnen auch heute noch ihr Par-füm von damals mischen kann“. Denn wer einmal eins erstanden hat, dessen Duftrezept bleibt in blassblauer Tinte für immer dokumentiert. Plötzlich klingelt das Telefon, „eine Stammkundin“, entschuldigt sich Lehmann und notiert sich geduldig alle Wünsche. „Wer möchte, kann sich sein Parfüm in die ganze Welt verschicken lassen.“ Rund 50.000 Kunden führt die Kartei. Dazu gehören von jeher auch zahlreiche Prominente. Die behandelt Lehmann streng diskret, noch nie hat er einen Namen ausgeplaudert. Die Dietrich immerhin liebte Veilchen, das hat Lehmanns verstorbene Mutter einmal einer Journalistin verraten.
Neben dem ausgezeichneten Geruchssinn gehört Menschenkenntnis zu den Qualitäten des Meisters. Zunächst analysiert er, ob es sich um einen "blumigen, grünen oder orientalischen Typ" handelt und hält dem Kunden ein paar entsprechende Düfte unter die Nase, dann gibt er spontan und mit fast anmaßender Präzision seine Empfehlung. So viel Aufmerksamkeit bekommt man heutzutage selten.
Zeit muss mitbringen, wer sich durch das ganze Sortiment schnuppern möchte, denn nach fünf bis zehn Riechproben sind die Rezeptoren in der Nase erst einmal besetzt. Wenn sich unter den über 50 Kreationen - neben Klassikern wie Rose oder Lotus auch immer wieder Neuerscheinungen - nicht das Passende findet, lässt sich die individuelle Note auch zusammenmischen. Besonders anspruchsvoller Kundschaft erschafft Lehmann gegen gutes Geld schon mal einen ganz eigenen Geruch.

Das Geschäft läuft, Lehmann kann sich nicht beklagen. Kopfschmerzen bereiten ihm jedoch die EU-Richtlinien, die über sein Handwerk verhängt wurden. "Weil ein paar Laborratten Pickel bekommen haben", darf er zwar mit Thymian sein Essen würzen, aber nicht mehr seine Düfte. "Moschus, Lavendelöl, alles wurde eingeschränkt." Jahrhunderte lang hätten Parfümeure diese Substanzen verwendet. Und wenn denn mal jemand etwas nicht vertragen habe, "Gott, dann habe ich ihm ein anderes Parfüm gegeben".
Nun muss er Jahrzehnte alte Düfte mühsam neu entwickeln. "Der Charakter eines Parfüms setzt sich aus 50 bis 200 Duftbausteinen zusammen. Wenn Sie einen davon wegnehmen, verändert sich die Harmonie. Manche Riechstoffe lassen sich durch nichts ersetzen."
Über das, was kommen mag, wenn die Nase eines Tages aussetzt, will Lehmann heute noch nicht nachdenken. Dem Familiennachwuchs fehlt es an Interesse, an Platz im Laden für Azubis. "Es sieht momentan so aus, als würde das alles hier mit mir sein Ende finden."
Früher sei die Kantstraße als elegante Flaniermeile über die Grenzen der Stadt hinweg bekannt gewesen. Daraus ist heute ein Sammelsurium von Import-Export-Läden und Fastfood-Restaurants geworden. Mit Lutz Lehmann wird eines der letzten traditionsreichen Geschäfte von dort verschwinden. Der Duft von Maiglöckchen, Wüstenwind und Eau de Berlin wird freilich bleiben. Noch 24 Stunden... "Danach", sagt Lehmann, "ist auch der Duft des besten Parfüms verflogen."
Carolin Weinkopf im September 2008
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